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Angst und Depressionen im Verlauf einer Krebserkrankung

Junial Enterprises/Shutterstock

„Ich bin doch nicht verrückt!“

Eine relevante Anzahl von Krebspatienten, etwa 30 %, entwickeln im Verlauf ihrer Tumorerkrankung spezifische Symptome einer sog. Anpassungsstörung mit ängstlich-depressiver Symptomatik. Etwa 5-10 % von ihnen benötigen eine akute Hilfestellung oder Behandlung zur Bewältigung ihrer manifesten Ängste oder Depressionen. Welche Ursachen bewirken, dass diese zusätzliche psychische Belastung und das damit verbundene Leiden immer noch relativ selten erkannt, angesprochen und behandelt werden?

Mit oder ohne Tumorerkrankung kommt es im Verlaufe des Lebens immer wieder zu Belastungen und Herausforderungen, die das individuelle Bewältigungsvermögen stark beanspruchen. Hierzu zählen finanzielle oder berufliche Schwierigkeiten, familiäre Spannungen, Beziehungskrisen, Trauer, Trennungen, Enttäuschungen, unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte. Nicht immer reichen die eigenen Ressourcen und Kraftreserven aus, um sich diesen Herausforderungen ausreichend gewachsen zu fühlen und konstruktive Lösungen zu finden. Etwa 30 % aller Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens vorübergehend eine handfeste und behandlungsbedürftige Depression. Allein die Tatsache akut oder chronisch erkrankt zu sein, füllt diesem inneren „Rucksack“ mit einer weiteren Belastung.

Die Diagnose einer Krebserkrankung, die wiederkehrende Diagnostik, die unterschiedlichen Behandlungsregime, die unterschiedlichen Phasen der Erkrankung und der unvorhersehbare Verlauf mit den ständig neuen Fragen und Sorgen bewirken bei den Betroffenen eine besondere Anfälligkeit für psychische Reaktionen mit deutlichem Krankheitswert. Bereits in den 1990er Jahren zeigte eine Studie, dass, trotz all dieser zum Teil sehr schmerzlichen Veränderungen und Belastungen, die durch die Diagnose einer Tumorerkrankung entstehen, 64 % der Tumorpatienten mit ihren seelischen Belastungen und Schwankungen gut zurechtkommen, ein hilfreiches und belastbares Umfeld haben oder eigene Mechanismen entwickeln konnten, die die Bewältigung der unvorhergesehenen Hindernisse ermöglichen. Eine relevante Anzahl von Krebspatienten jedoch, etwa 30 %, entwickeln im Verlauf ihrer Tumorerkrankung spezifische Symptome einer sog. Anpassungsstörung mit ängstlich-depressiver Symptomatik. Etwa 5-10 % von ihnen benötigen eine akute Hilfestellung oder Behandlung zur Bewältigung ihrer manifesten Ängste oder Depressionen.

Trauer und Traurigkeit sind ganz normale Reaktionen auf die Lebenskrise, die eine Tumorerkrankung für die Betroffenen und ihr Umfeld darstellt. Wenn die inneren Bewältigungsmechanismen zeitweilig nicht mehr ausreichen, können schwerere Ausprägungen der Beeinträchtigung der Stimmungslage auftreten – von depressiven Anpassungsstörungen bis hin zur schweren Depression (Major Depression).

Warnsignale für eine derartige Intensivierung der Symptomatik sind Funktionsstörungen und Verhaltensänderungen, die mindestens über einen Zeitraum von zwei Wochen bestehen. Hier einige Anhaltspunkte, die Betroffene an sich selbst bemerken können, oder die Angehörige auf den Gedanken bringen könnten, dass so eine depressive Symptomatik vorliegen könnte:

  • Langanhaltende depressive Verstimmungen an den meisten Tagen, die schon am frühen Morgen beginnen
  • Ausgeprägte Furcht, einen Tag zu beginnen, aufzustehen. Die Sorge, den Anforderungen des Tages nicht gewachsen zu sein
  • Wiederkehrende und anhaltende Gefühle von Wertlosigkeit, Hoffnungslosigkeit oder auch Schuldgefühle
  • Schlafstörungen, nicht erholsamer Schlaf, morgendliche Abgeschlagenheit, lange Anlaufzeit
  • Reduzierte Freude an den meisten Aktivitäten, Verlust des Interesses an sozialen Kontakten bis hin zum meist schamvollen Rückzug
  • Subjektives Gefühl der Veränderung der Konzentrationsfähigkeit bzw. ein Gefühl der ungewohnten Verlangsamung

Nicht allein das Auftreten seelischer Begleitreaktionen, sondern wie Betroffene und ihre Angehörigen mit ihnen umgehen, kann entscheidend sein, da Angst und Depression oft unentdeckt und unbehandelt bleiben. Gerade bei Patienten, die ihre Symptomatik nicht oder nur versteckt äußern (können), unterschätzen die behandelnden Ärzte oder auch die Pflegenden oder Sozialarbeiter den Schweregrad psychischer Symptome und deren Behandlungsbedürftigkeit. Patienten und ihre Angehörigen haben oftmals auch das Gefühl oder den Eindruck, dass seelische Sorgen und Nöte in dem „streng medizinischen“ Kontext deplatziert sind und dass sie selbst diese „Befindlichkeiten“ und seelischen Schwankungen durch vermehrte Disziplin oder einfach durch Sich-Zusammenreißen „in den Griff“ kriegen sollten. Sie scheuen davor zurück, ihren Leidensdruck zu offenbaren.

Aufseiten der behandelnden Ärzte werden solche Themen oft aus Zeitdruck oder Unkenntnis über die Bedeutung der Thematik für eine erfolgreiche und zufriedenstellende Behandlung ausgeklammert – oder auf die rein körperlich-medizinische Seite transferiert, auf der Medikamente bei der Lösung derartiger Probleme helfen sollen.

Das Auftreten der psychischen Schwankungen und Stimmungswechsel und Symptome kann ganz unterschiedliche Ursachen haben: Schmerzen, Schlafstörungen, Delir, Substanzentzug (Alkohol, Schmerzmittel, Beruhigungsmittel), Hypoglykämie, Schilddrüsenüberfunktion, Metastasen oder die Tumorlokalisation selbst (ZNS), um nur einige körperliche Ursachen zu nennen. Sie können Nebenwirkung der medikamentösen Behandlung sein, beispielsweise bei der Behandlung mit Steroiden, einigen Antibiotikaklassen oder Antipilzmitten, Beruhigungsmitteln, Laborveränderungen (Elektrolytverschiebungen). Nicht zuletzt können sie aber auch Ausdruck der inneren Anspannung und Belastung durch die Erkrankung und ihrer Therapie selber sein und möglicherweise eine zeitweilige Überforderungssituation anzeigen.

„Überforderung“ klingt in diesem Zusammenhang häufig nach „Sich-gehen-lassen“ oder „mangelnder Organisiertheit und Disziplin“. Dieser negativen Wertung, diesem Beigeschmack, möchte ich jedoch gerade an dieser Stelle entschieden entgegen treten: Ungünstige Entwicklungen der Krankheitsverarbeitung können häufig mit der Zeit und in Begleitung durch problemorientierte Lösungs- und Bewältigungsstrategien ersetzt werden. Manchmal bedarf es nur geringer beratender, unterstützender Impulse von außen, manchmal ist es hingegen indiziert, die depressive Symptomatik oder die Angst psychotherapeutisch und/oder medikamentös, zumindest vorübergehend, zu behandeln, um eine gute Lebensqualität wiederherzustellen.

Sollten Sie über sich selbst beunruhigt sein, bei sich oder Ihrer Angehörigen oder Ihrem Angehörigen depressive Verstimmungen oder Symptome von ausgeprägter Angst feststellen, so sprechen Sie zunächst mit Ihrem behandelnden Onkologen. Suchen Sie das Gespräch, falls möglich mit psychoonkologisch geschulten Gesprächspartnern. Eine hilfreiche Adresse bei der Suche nach Unterstützung ist auch die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie.

Dr. med. Anne D. Rose, Berlin

Quelle: Befund Krebs 3/2013

30.07.13

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