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Experteninterview: Das leisten zertifizierte Prostatakrebszentren

kurhan/Shutterstock

Zertifizierte Prostatakrebszentren unterscheiden sich von anderen Krankenhäusern – sie müssen bestimmte Strukturen nachweisen und werden streng kontrolliert. Doch was sind die Vorteile für die Patienten? Befund Krebs hat mit Prof. Dr. Udo Rebmann, Chefarzt eines Prostatakarzinomzentrums in Dessau, darüber gesprochen.

Herr Prof. Rebmann, was genau ist ein zertifiziertes Prostatakarzinomzentrum und was ist der Unterschied zu anderen Behandlungseinrichtungen?

Für die Zertifizierung von Prostatakarzinomzentren hat die Deutsche Krebsgesellschaft ein Institut beauftragt, OnkoZert, das diese Zertifizierung vornimmt. Das bedeutet, dass diese Zentren nach einer bestimmten Struktur aufgebaut sein und bestimmte Ziele erfüllen müssen. Ein zertifiziertes Zentrum ist ganz gläsern – alles muss transparent und nachvollziehbar sein. Dazu gehört auch, dass nach Leitlinien behandelt werden muss – und wenn von den Leitlinien abgewichen wird, muss das gut begründet werden. Im Gremium eines Prostatakarzinomzentrums sind zudem nicht nur Urologen vertreten, sondern auch verschiedene Fachkollegen. Zu den zwei Gruppen der Primärbehandler, das sind zum einen Urologen, zum anderen die Strahlentherapeuten, kommen noch Pathologen, Radiologen, Nuklearmediziner, Psychoonkologen und Onkologen dazu. Dieses Gremium muss sich in bestimmten Abständen – verpflichtend ist einmal im Monat, wir machen das aber jede Woche – zu einer Zusammenkunft treffen, bei der die Situationen aller Patienten besprochen werden. Es gibt eine prätherapeutische und eine posttherapeutische Konferenz. Anschließend wird eine Therapieempfehlung herausgegeben – ganz nach dem Motto, vier oder mehr Augen sehen mehr als zwei. Das Besondere ist zudem, dass auch die niedergelassenen Einweiser, in diesem Fall Urologen, daran beteiligt sind.

Was sind die Vorteile einer leitliniengerechten Therapie, die in einem zertifizierten Zentrum Pflicht ist?

Die Leitlinien sind ja ein Konsens aus den verschiedenen Fachgruppen, die in der Therapie des Prostatakarzinoms beteiligt sind. Dieser Konsens garantiert dem Patienten, dass er zu jedem Zeitpunkt eine effiziente Therapie bekommt, sodass die Beliebigkeit der Entscheidungen von einzelnen überhaupt nicht mehr möglich ist. Das ist der große Vorteil. Der Patient kann sicher sein, dass er nach neuesten medizinischen Standards behandelt wird.

Wie funktioniert der Zertifizierungsprozess?

Voraussetzung ist zunächst, das eine Klinik eine gewisse Anzahl von Prostatakarzinomen behandelt. Dann stellt man den Antrag bei der Krebsgesellschaft. Anschließend muss man eine bestimmte Struktur aufbauen, so müssen Dokumentationsassistenten und eine Study Nurse da sein, weil mindestens 5 % der Primärfälle in Studien behandelt werden müssen. Ein Operateur muss mindestens 25 radikale Prostatektomien pro Jahr machen. Bei der Zertifizierung selbst kommen Auditoren ins Haus, die sich das Zentrum und die Behandlung und die Strukturen dort anschauen. Das betrifft sowohl die Primärtherapien, also Operation und Bestrahlung, als auch die Sekundärtherapien wie Hormontherapie oder Chemotherapie. Die Fachexperten von OnkoZert kontrollieren dann zwei Tage lang wirklich alles.

Wie lange gilt dann das Zertifikat?

Das Zertifikat gilt drei Jahre, aber es gibt einmal jährlich ein Audit, bei dem bestimmte Dinge nochmal kontrolliert werden, z. B. die Operationen, Chemotherapie oder Psychoonkologie. Dabei wird auf sehr spezialisierte, einzelne Fragen geschaut, bei denen es bei der großen Zertifizierung vielleicht noch Nachholbedarf gab, z. B. bei der Organisation oder der Durchführung. Zudem muss man jedes Jahr einen Bericht schreiben, über die Anzahl der Patienten, die behandelt wurden, und ob es Veränderungen in der Struktur gegeben hat.

Sie haben eben bereits die Tumorkonferenzen angesprochen. Was sind die größten Vorteile der interdisziplinären Zusammenarbeit?

Der Vorteil ist, dass viele Fachkollegen einen bestimmten Patienten aus ihrer Sicht beurteilen und zum Schluss ein Konsens gebildet wird, der dann als Therapieempfehlung für den Patienten ausgesprochen wird. Der Patient kann an dieser Meinungsfindung auch teilhaben. Das ist kein Geheimnis und wird nicht im stillen Kämmerchen besprochen, sondern der Patient kann auch an der Tumorkonferenz teilnehmen. Diese läuft dann so ab, dass die Daten vorbereitet werden und z. B. an die Wand gebeamt werden, sodass alle sich eine Meinung bilden können. Dann kann beispielweise der Onkologe, der Urologe und der Strahlentherapeut etwas dazu sagen. Schließlich wird die Therapie, von der wir glauben, dass sie für den Patienten am besten ist, empfohlen.

Kommt das häufig vor, dass Patienten daran beteiligt sind?

Mittlerweile schon. Am Anfang war es selten, aber seit ungefähr zwei Jahren ist es so, dass fast jede Woche ein Patient dabei ist und sich das erläutern lassen will. Viele Patienten kommen aber auch und wollen eine Zweitmeinung haben.

Stichwort Psychoonkologie: Inwieweit spielt diese auch in Prostatakarzinomzentren eine Rolle?

Sie spielt sogar eine entscheidende Rolle. Jeder Patient muss vor der Therapie einen Fragebogen ausfüllen. Dieser Bogen gibt Auskünfte über den psychologischen Beeinträchtigungsgrad des Patienten – wie hat die Diagnose auf ihn eingewirkt, wie schlimm ist das für ihn? Wenn er eine bestimmte Punktzahl erreicht hat, bieten wir eine psychoonkologische Betreuung an. Diese erfolgt i. d. R., wenn der Patient operiert wird, noch im Rahmen des Krankenhausaufenthaltes, kann aber auch danach noch stattfinden.

Wenn wir am Schluss noch einmal zusammenfassen: Warum sollten sich Patienten mit der Diagnose Prostatakarzinom für ein zertifiziertes Zentrum entscheiden?

Sie sollten sich dafür entscheiden, weil die Beliebigkeit der Therapie durch einen einzelnen Kollegen wegfällt. Sie sind damit einfach besser beraten und werden dann auch besser behandelt. Auch jede weitere Therapieänderung nach einer Behandlung wird in einem Prostatakarzinomzentrum wieder interdisziplinär besprochen, z. B. wenn der Patient operiert wurde und anschließend einen PSA-Anstieg hat. So bekommt er eine konzertierte Meinung, die ein Konsens von vielen Kollegen ist.

Quelle: Befund Krebs 2/2012

11.12.12

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